Rückblick Band 3

Reimar und Ilse v. Zadow

Rückblick auf ein bewegtes Jahrhundert

Band 3: Das Kriegsende in Altwuhrow 1945

Ilse v. Zadow – Altwuhrower Tagebuch
Reimar v. Zadow – Marsch nach Altwuhrow

228 Seiten (davon 12 Seiten Karten und Pläne)
mit Fotos
broschiert
Erschienen am 19.07.2008

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1. Leseprobe

Vorwort von Ilse von Zadow

Erst heute – nach über 60 Jahren – habe ich mich entschlossen, mein Altwuhrower Tagebuch von 1945 drucken zu lassen, damit es meine Enkel und andere Interessierte lesen können. Als ich es 1985, nach 40 Jahren, vom Original abtippte, wollte ich vor allem die deutsche Schrift, die ich damals noch geschrieben hatte, für die Kinder „übersetzen“. Heute ist es nun so, dass Günter dabei ist, einen weiteren Band von Reimars Lebenserinnerungen „Rückblick auf ein bewegtes Jahrhundert“ nach den vorhandenen Entwürfen herauszugeben. Da ist es jetzt sinnvoll, dass wir mein „Altwuhrower Tagebuch“ und die Aufzeichnung von Reimars „Marsch nach Altwuhrow“, die beide die erste Zeit nach dem Krieg zum Inhalt haben, mit in die Reihe als Band 3 aufnehmen.

Mein Tagebuch ist ja auch ein besonders authentisches Zeugnis dieser schlimmen Zeit, weil an jedem Tag direkt festgehalten wurde, was gerade geschah. Anders ist es mit Reimars „Marsch“. Da ist es sein besonderes Verdienst, diesen gefährlichen Fußmarsch durch das durchkämpfte Pommern hinterher so minutiös aufgeschrieben zu haben. Die Liebe zu seiner Frau und zu seiner Heimat haben Reimar die Kraft gegeben, diesen Wahnsinn zu wagen und an das Ziel zu ge- langen. Das gute Ende, dass wir zusammen heil und gesund aus Pommern herauskamen zu einem neuen Lebensanfang, hat ihn beflügelt, alles aus der Erinnerung aufzuschreiben.

Von dem weiteren Leben der Familie in Greifswald, wo drei Kinder geboren wurden, in Guttau, Dethlingen, und fast 40 Jahre in Bad Hersfeld, wo unser 5. Kind geboren wurde, und zuletzt in Caputh sollen die weiteren Bände erzählen.

Wenn man eine Verlustliste aufstellen würde, was wir alles durch den Krieg verloren haben, dann müsste man auch überlegen, wie anders das Leben für uns und unsere Kinder verlaufen wäre, wenn wir Altwuhrow noch hätten. – Wir sollten aber auch an eine Gewinnliste denken, von den Dingen, die wir von Altwuhrow aus nie erreicht hätten. Da ist vor allem die Möglichkeit zu nennen, sich intensiver als bisher mit der Musik zu beschäftigen, mein Orgelstudium in Greifswald, das Mitsingen der großen Oratorien bei Hans Pflugbeil, Götz Wiese und Siegfried Heinrich, Reimars Entdeckung der Gambe und des Consortspiels, sein Einsatz für 50 Museumskonzerte in Bad Hersfeld, seine Gründung der Kreismusikschule dort, seine 3-jährige landwirtschaftliche Siedlungsarbeit in Thailand, der Orgelbau mit dem Organologen Pfarrer Rössler in der Auferstehungskirche Bad Hersfeld, meine fast 40-jährige Kantorenarbeit dort mit Kindern, Erwachsenen und Orgelschülern und zuletzt das Leben in Caputh auf unserem Grundstück, umgeben von den 5 Kinderhäusern, Gründung der Konzertreihe „Caputher Musiken“ und die Restauration der alten Orgel in der Stüler-Kirche, auf der ich noch bis heute spielen darf. – Für dieses reiche, erfüllte Leben, trotz aller Umwege, sind wir sehr dankbar. Die meisten Menschen, die in den Texten von mir und Reimar erwähnt werden, sind inzwischen gestorben. Doch mit Mamas Patenkind Liesbeth Röcker, jetzt verheiratete Ladwig, und mit meinem Patenkind Irene Schwanz, jetzt Leffler, stehe ich noch in guter Verbindung.

2 Leseprobe

Ilse von Zadow: Altwuhrower Tagebuch 1945

März 1945

1.3.
Sturm. Durch Geschützdonner geweckt.
Tempelburg, Falkenburg total geräumt. Klaushagen nachmittags Räumungsbefehl. Geschrieben: Reimar, Mama, Wernigerode, Margot, G. Wenzel, Oldenburg.
Abends kommen Tetzlaffs zum Sekt. Ist es der letzte Abend? Auch Grüneisens, Fischers, Frl. Inge, Hauptmann Sanner.
Räumungsbefehl für Neuwuhrow. Nachts noch Räumungsbefehl für Altwuhrow. Viel Einquartierung: Volkssturm-Einquartierung, Herr Tetzlaff die ganze Nacht unterwegs.

2.3.
Wunderbare Losung für heute: „Der Herr wird dich immerdar führen und deine Seele sättigen in der Dürre und deine Gebeine stärken“ – Jesaja 58,11.
Großer Sturm. Ab 6 Uhr alles zum Abrücken fertig gemacht. Wutziger rücken um 13 Uhr ab, Richtung Dramburg. Kommen aber nicht weiter, da Straße bereits gesperrt. Der Russe ist im zügigen Vorgehen. Wutzig wird abends aufgegeben.
Treckwagen eingeladen, gepackt ohne Licht. 8 Uhr Abendbrot. Frau von Knobloch – Warlang – abgeholt, die (zum Glück!!) Hauptmann Sanner mitnehmen will, ebenfalls Frl. Inge. Werden in einem Tag über die Oder sein! Und wir?? Auch meine Briefe durch Sanner.
Unser Kutscher Franz fährt Frau Tetzlaff, mich und meine Wirtin Erna Hahn im Kutschwagen; den Gummiwagen mit meinen Sachen fährt ein Franzose. Unser Treck besteht aus …Wagen, …Menschen [leider keine Zahlen], ca. 50 Pferden, 6 Ochsen. Rinder, Schafe und Schweine sollten mit abtransportiert werden. Aber Herr Tetzlaff nimmt nur die Kühe mit, und er versorgt das übrige Vieh mit reichlich Futter. Die Gefangenen – 80 Amerikaner – sollen morgen zu Fuß fortgeführt werden.
Um 22 Uhr abgerückt in großem Sturm, brauchen bis Ritzig [10 km] 3 Stunden, um 5 Uhr morgens in Charlottenhof [bei Klützkow – Herr Schlothe], das einzige Gut der Umgegend, das noch einen Treck aufnehmen kann.

3.3.
In Charlottenhof: Unser Treck kommt erst zwischen 7 und 8 Uhr an, wird auf Stroh untergebracht in 2 Räumen und Dielen. Ohne Herrn Tetzlaffs aufopfernde Bemühungen wäre der Treck schon am ersten Tag auseinander gerissen worden. Auf seinem Motorrad war er unablässig bemüht, die Verbindung zwischen den einzelnen Wagen herzustellen.
Unser Plan: 3 Uhr morgens Weiterfahrt über Schivelbein. Mit Frl. Hahn und einigen Frauen einen Kessel Milchsuppe für alle gekocht. Franz soll die Alten und Kranken abholen, da Gummiwagen kaputt ging, kommt aber nicht zurück.
Mittag: Panzer beschießen Schivelbein und Tiefflieger die Trecks auf den Straßen. Wir können alles von hier aus beobachten. Der Ring ist zu, wir sitzen im Kessel! Entsetzen und Aufregung unter den Leuten. Sie wollen unbedingt nach Altwuhrow zurück. Herr Köppen kommt aufgelöst an: seine Familie ist in Schivelbein.
Nachts drängen Jaenke [Brenner] und Zühlsdorf [Gärtner] zur Rückfahrt. Tetzlaff will nicht.

[…]

11.3.
Reimars Geburtstag.
Unruhige Nacht: einer oder zwei schnarchen immer, eine Maus knabberte, ein Kind weinte dauernd, dazu Magenschmerzen und draußen furchtbarer Sturm, daß das Haus erzitterte.
Wo mag Reimar sein? Noch in Sachsa? Oder einge- setzt? Wenn man doch mal den Wehrmachtsbericht hören könnte! Aber es gibt keinen Strom. Wir sind le- bendig begraben. Aber Gott weiß alles! Er behüte Reimar und führe uns noch einmal zusammen!
Aus Ritzig keine Nachricht, Pferde kommen auch nicht, um uns zu holen.

[…]

16.3.
Gräfin Arnim geht mit 3 Männern nach Bramstädt und fragt, was aus den Gersdorfern, die alle in Weißenbruch sind, werden soll. Die polnische Besatzung aus Gersdorf bringt sie hierher zurück mit Pferd und Wagen. Sie nimmt alle Männer und Gräfin Arnim wieder mit zurück zu Aufräumungsarbeiten. Wie kommen wir mal nach Altwuhrow?
Nachmittags kommen Ritziger mit neuen Nachrichten: Mein Wagen ist restlos ausgeplündert, aber von Deutschen! Die Altwuhrower Brennerei soll wieder im Gange sein. In Ritzig haben Polen alle jungen Mädchen und Frauen vergewaltigt. Wir sind dankbar, nicht dort gewesen zu sein! Aber lange können wir nicht mehr bleiben, ohne Nahrungsmittel!

17.3.
Martins Geburtstag, gesungen „Nun danket alle Gott“. In Gräfin Arnims Zimmer genäht, gelesen, geschrieben. Frau Spiller hilft uns aus, wir dürfen von ihrem Essen mitessen. Es ist furchtbar, um alles bitten zu müssen. Wenn ich bloß Mama und Reimar mehr mitgegeben hätte! Aber es war damals alles schon gepackt und zugenäht, die Trennung kam zu plötzlich.
Martin einen Pudding geschenkt und Häkchenspiel. Er liegt noch im Bett.
Aus Gersdorf hört man: die Männer haben tüchtig zu tun mit dem Wegschaffen der toten Pferde, Kühe usw. Gräfin Arnim war noch nicht im Schloß.

3. Leseprobe

Reimar von Zadow: Marsch nach Altwuhrow 1945

Aufbruch und Gefangennahme

13. September 1945. Ich bestieg in Greifswald einen Zug und fuhr bis Pasewalk, damals letzte Station in Richtung Stettin. [Auf einer der Karten im Abschnitt Karten und Pläne ist der Marsch eingezeichnet, siehe S. 219]. Dort fand ich eine Lokomotive unter Dampf, die einen Güterzug nach Stettin fahren sollte. Der Lokomotivführer erklärte sich damit einverstanden, daß ich auf dem Tender mitfuhr, übernahm aber keine Verantwortung. Es muß am Spätnachmittag gewesen sein, und der Lokführer hoffte, noch vor Morgengrauen über die Oder zu kommen. Die Entfernung von Pasewalk bis Stettin beträgt rund 30 Kilometer, das Unternehmen war demnach nicht ganz aussichtslos.
Ich grub mich also im hinteren Teil des Kohlentenders in die Kohlen ein, um unsichtbar zu bleiben. Mein Gepäck bestand aus einer weißen Wolldecke mit roten Streifen, einem Rucksack und den folgenden Gegenständen: einem Jugendherbergsausweis der Stadt Falkenburg aus dem Jahr 1938 mit Bild, damals jugendfrisch [als Personalausweisersatz] – meinen Entlassungsschein aus amerikanischer Gefangenschaft hatte ich vorsichtshalber in Greifswald gelassen -; einem Feuer-Versicherungsschein für das Gut Altwuhrow, auf meinen Namen lautend, zum Beweise, daß ich der Eigentümer war; eine Bibel, ein „Neues Lied“, eine Büchse Wehrmachtsgänsebraten, eine Büchse Schmalzfleisch, ein Brot. In meiner Jackentasche befanden sich ein Päckchen Süßstoff und zwei Zigarillos – in diesen Monaten eine Kostbarkeit.
Der Lokomotivführer hatte sich verkalkuliert; der Zug stand fast die ganze Nacht in Pasewalk auf dem Bahnhof und brauchte viele Stunden für die 30 Kilometer. So wurde es vormittags 11 Uhr, als wir uns Stettin zu nähern schienen. Inzwischen waren fast alle Kohlen verbraucht, ich konnte mich in dem Rest nicht mehr verbergen. Die Lokomotive wurde abgehakt und fuhr mit dem Tender ohne Zug weiter. Ein russischer Posten mit Maschinenpistole bestieg die Lok, sah mich und legte die Maschinenpistole auf mich an, bedeutete mir unmißverständlich den Tender zu verlassen. Ich mußte während der langsamen Fahrt nach rückwärts heruntersteigen und abspringen, konnte aber Decke und Rucksack dabei noch mitnehmen.

Dies geschah genau auf der Kreuzung Eisenbahn/Straße bei Scheune südwestlich Stettin. Ich muß schwarz wie ein Neger ausgesehen haben nach der Nachtfahrt in den Kohlen und dauernd im Rauch der Lokomotive. Sofort griff mich ein polnischer Posten auf, der wahrscheinlich die Bahn/Straßenkreuzung bewachte, schleifte mich in ein Haus, was sich angeblich Wache nannte zum Verhör durch die polnische Miliz. Die Milizionäre trugen keine Uniform, hatten aber Koppel umgeschnallt und waren mit alten Pistolen 08 ausgerüstet, die sich sehr gut auch zum Schlagen eignen. Nur einige hatten auch Militärmützen auf dem Kopf.
Das Verhör spielte sich im Wesentlichen tätlich ab. Ich hatte weiter nichts dazu zu tun, als Prügel zu empfangen. Ich hatte auch am ersten Tag kaum Antworten zu geben, sondern brach verhältnismäßig bald zusammen. Meine Brille hatte ich nach früheren Erfahrungen schon in die Rocktasche gesteckt. Man sah ohne Brille weniger intelligent aus. Außerdem hatte ich mir einen kleinen Schnurrbart wachsen lassen.
Nachdem ich zusammengebrochen war, landete ich in einem Kellerloch. Man erreichte es über eine Hühnerstiege, es war oben durch eine Bodenklappe verschlossen, völlig dunkel, etwa 2 mal 3 Meter im Grundriß. Der erhebliche Unrat, der dort lag, stank entsetzlich. Menschen, die festgehalten wurden, hatten ja keine Möglichkeiten, auszutreten, als dort unten. Außer mir befand sich dort noch ein junger Pole. Wir setzten uns nebeneinander auf ein Holzbrett. Er hatte lange Weile und fragte mich, ob ich nicht ein Messer hätte, er wolle sich irgendetwas schnitzen. Sehen konnte ich ihn nicht, es war stockfinster. Ich zog aber mein Messer heraus. Er fühlte es ab und zog sein eigenes Messer heraus. Meines war etwas länger als seins. Er meinte, wir sollten doch zum Zeitvertreib eine Messerstecherei anfangen, das sei doch ein hübsches Gesellschaftsspiel. Ich konnte ihm in Ruhe klarmachen, daß wir beide in ziemlich mieser Lage seien und denen da oben nur einen Gefallen täten, wenn wir uns gegenseitig blutig stechen würden. Das sah er dann ein und gab nach. Er konnte, wie alle Polen, [das war mein damaliger Eindruck von Stettin her] leidlich deutsch. Im Laufe des Abends schlug er solchen Krach, daß er raufgebracht wurde. Ich hatte dann meine Bank dort unten für mich allein, legte mich drauf und habe tatsächlich auch geschlafen, bis es oben mordsmäßigen Lärm gab.
Durch die Ritzen merkte ich, daß es schon Morgen war. Die Luke tat sich auf, und ein junges Weibsbild wurde heruntergestoßen, eine Polin. Als sie feststellte, daß sie dort unten nicht allein war, erhob sie ein fürchterliches Gebrüll. Daraufhin holte man sie nach etwa einer Viertelstunde herauf, weil man das Brüllen nicht mit anhören wollte. Mit mir hat sie sich nicht weiter befaßt. Ich wartete noch einige Zeit ab und ruhte mich ruhig aus. Die Erfahrung dieser Jahre hatte uns gelehrt, in einer solchen Lage immer Kräfte zu sammeln, solange es möglich war. Nach einer Weile klopfte ich von unten gegen die Luke und sagte, ich müsse mal raus.
Darauf wurde ich nach oben gelassen und zum zweiten Verhör in ein Nebenzimmer geführt. Es begann damit, daß man mir den Hut vom Kopf schlug – weshalb ich ihn überhaupt auf dem Kopf hatte, weiß ich nicht. Man deutete auf den polnischen Doppeladler gegenüber an der Wand, den ich nicht beachtet hätte. Das Verhör begann [und endete] mit den Worten: „Wie lange du Soldat?“ – Ich antwortete: „5 Jahre oder 6.“ – „Und dann noch nicht tot, deutsches Schwein?“ Mit dem Schaft der umgedrehten Pistole 08 schlug man mir zunächst ins Gesicht, dann hauptsächlich auf den Rücken. Den Gefallen, zusammenzubrechen, tat ich ihnen diesmal ziemlich bald [bewußt]. Da ich meine Brille in der Tasche trug, passierte nichts Wesentliches. Vor allem am Rücken wurde ich allerdings grün und blau geschlagen und konnte mich anschließend kaum bewegen.
Als ich, am Boden liegend, wohl keine Reaktion mehr zeigte, dachte ich, nun würde ich wieder in das Loch heruntergestoßen. Aber irgendeine Tür tat sich auf, und ich flog rückwärts in die Gegend und landete draußen außerhalb des Hauses. Dann tat sich die Tür nochmals auf, und mein Rucksack mit Decke, flog hinterher. Beides hatte ich nicht mit im Kellerloch gehabt, man hatte es mir abgenommen.
Ich befand mich in Freiheit! Es war klar, daß ich so schnell wie möglich von diesem gastlichen Ort wegstrebte, ich ging über die Bahnschienen, auf denen ich festgenommen worden war, auf die andere Seite des Ortes und dort hinter eine Scheune – in Scheune! Da setzte ich mich erst einmal hin, sammelte meine Knochen zusammen und überdachte die Lage. Ich stellte fest, was in meinem Rucksack noch drin war: Dreiviertel Brot hatten sie drin gelassen, die schönen Konserven waren raus. Aber wenigstens die Decke hatte ich wieder, Bibel und das „neue Lied“ waren drin und unbeschädigt. Mein Päckchen Süßstoff und die beiden Zigarillos hatte ich in der Rocktasche, ebenso den „Ausweis“, sowie einen russischen Passierschein nach Ganzer, der später noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Daraufhin schlug ich die Bibel auf, ohne in der Lage zu sein, viel drin herumzublättern und stieß – wirklich zufällig – auf die Klagelieder Jeremia, Kap. 3. Man mag dieses Kapitel nachlesen. Wer es tut, wird feststellen, daß es bis hinein in Einzelheiten die Situation beschreibt, in der ich mich damals befand. Nicht nur die sehr bekannten Verse 22 ff: „Die Güte des Herrn ist’s, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu…“; sondern noch konkreter Verse 52 ff: „Meine Feinde haben mich gehetzt wie einen Vogel ohne Ursache; sie haben mein Leben in einer Grube schier umgebracht und Steine auf mich geworfen, sie haben auch mein Haupt mit Wasser überschüttet; da sprach ich: Nun bin ich gar dahin. Ich rief aber deinen Namen an, Herr, unten aus der Grube, und du erhörtest meine Stimme: Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien! Du nahest dich zu mir, wenn ich dich anrufe und sprichst: Fürchte dich nicht.“
Hinzugefügt aus der Sicht 1985: Natürlich kann man diesen augenscheinlichen Zusammenhang als einen Zufall abtun, wie das Aufschlagen gerade dieser Bibelstelle. Ich tat das damals nicht. Im Bericht von 1958 steht jedenfalls wörtlich, daß diese Verse in mir den Entschluß reifen ließen, daß ich nun anfangen sollte, rüberzugehen. Denn bisher war ja dieser Entschluß etwas infrage gestellt gewesen. Und als ich noch am Lesen war, kam von links ein Mann in einem blauen Monteuranzug, der einen vertrauenerweckenden Eindruck machte. Er war auch ganz gut ernährt [damals nicht selbstverständlich]. Er setzte sich neben mich und fragte, was ich denn so vorhätte. Ich sagte ihm, ich wolle eigentlich über die Oder herüberkommen, um meine auf der anderen Seite gebliebene Frau herauszuholen. Seine Antwort war: „Das will ich ja auch.“ Es war Robert Falk, Schlossermeister aus Plathe in Hinterpommern. Er glaubte zu wissen, daß seine Frau noch zu Hause wäre.
Da verbündeten wir uns beide und gingen zusammen los.

[…]